… einjährig, zweijährig, Staude oder Gehölz?

Fuchsia triphylla Koralle

Man kann Pflanzen in verschiedene Systeme einteilen. Während das botanische binäre Namensystem die Verwandtschaft von Pflanzen durch die Kategorisierung in Arten, Gattungen und Familien widerspiegelt, gibt es auch eine, sagen wir mal „gärtnerisch-pragmatische“ Zuordnung von Pflanzen. Diese unterscheidet nach dem Wachstumsrhythmus und grundlegenden Eigenschaften der Gewächse.

Kriterien sind Lebensdauer, Beschaffenheit der Triebe sowie allgemeine Erscheinung. Zuallererst lässt sich grob unterscheiden zwischen einjährig und mehrjährig wachsenden Pflanzen.

Einjährige keimen, wachsen und blühen in einer Vegetationsperiode – hierzulande also zwischen Frühling und Winter – und bilden rechtzeitig Früchte mit Samen, damit sich der Vegetationszyklus im folgenden Jahr wiederholen kann. Meist vertragen einjährige Pflanzen keinen Frost. Dafür legen sie ein enormes Wuchstempo an den Tag und meist auch eine auffallend reiche Blüte. Bekannte Beispiele im Ziergarten sind etwa die abgebildeten Kosmeen (Cosmos bipinnatus ‘Xanthos’), Zinnien (Zinnie), Ringelblumen (Calendula) oder Wicken (Lathyrus odoratus). Zahlreiche Gemüsepflanzen wachsen ebenfalls einjährig, etwa die meisten Salate, Mangold, Bohnen und andere Hülsenfrüchte. 

Digitalis purpureaHinzu kommen als gewisser Sonderfall die „Zweijährigen„. Hier keimen die Pflanzen im ersten Jahr, überdauern den Winter und blühen im Folgejahr. Meist, aber nicht immer, brauchen sie einen Kälteanreiz im Winter, um vom vegetativen Wachstum, also dem Aufbau von Blattmasse, zur Blütenbildung umzuschalten. Recht gut zeigt sich das beim rechts zu sehenden Fingerhut (Digitalis purpurea ‘Foxi’), dessen allermeiste Sorten zuerst eine Blattrosette ausbilden mit der sie überwintern und erst danach etwa ab Ende Mai die eindrucksvollen Blütenkerzen ausbildet. Weitere Pflanzen mit einem vergleichbaren Wachstumsrhythmus sind etwa Bart-Nelken (Dianthus barbatus), Land-Nelken (Dianthus caryophyllus), Seiden-Mohn (Papaver nudicaule), Duft-Nachtkerze (Oenothera biennis) sowie eigentlich auch Stiefmütterchen (Viola x wittrockiana). Letztere sind allerdings mittlerweile so durchgezüchtet worden, dass etliche Sorten mit ihrer Blüte bereits im ersten Herbst nach der frühsommerlichen Aussaat mit der Blüte beginnen. Auch bei etwa Bart-Nelken oder Fingerhut gibt es bereits Sorten, die ebenfalls schon im Aussaatjahr blühen und sich wie Einjährige kultivieren lassen. 

Einjährige und Zweijährige werden meist als Saisonblumen eingesetzt. Sie eignen sich bestens als Farbträger und es lassen sich schnell mit eindrucksvolle Bepflanzungen gestalten. 

Phlox paniculataMehrjährige Pflanzen sind langlebiger als Zweijährige. Die nächste Stufe der Lebensdauer wird sozusagen von den Stauden eingenommen. Hier handelt es sich um krautig wachsende Pflanzen. Das bedeutet, dass alle Triebe zwar ausreichen, um die Pflanze zu stabilisieren, aber noch keine Holzeinlagerungen haben. Gegen Ende einer Vegetationszeit (bei uns der Herbst) welken und vergehen die Triebe gewöhnlich. Durch das Absterben machen sie Platz für einen Neuaustrieb der meist im folgenden Frühling beginnt. Dieser Prozess kann zeitlich stark variieren. Während etwa Türkenmohn (Papaver orientale) im Sommer nach der Blüte einzieht und vor dem Winter einen widerstandsfähigen Blattrosette ausbildet, bleiben bei Christ- und Lenzrosen (Helleborus) die Blätter im Winter erhalten und sterben erst ab, wenn der Neuaustrieb erfolgt. 
Ein neuer Austrieb von der Basis der Pflanzen aus, also dem Wurzelstock, oder im Spezialfall eines Rhizoms, einer  Zwiebel oder einer Knolle, ist allen Stauden gemeinsam. Die Knospen für den Austrieb haben sie im vorausgehenden Jahr angelegt. Bei einigen Arten, etwa den Stauden-Pfingstrosen (Paeonia lactifloraPaeonia officinalis et al.), sind auch bereits die Blüten mikroskopisch klein bereits vorbereitet. Stauden werden gewöhnlich von Jahr zu Jahr größer. Allerdings schwankt die Langlebigkeit bei den unterschiedlichen Staudenarten stark. Einige werden kaum älter als Zweijährige, etwa die Heide-Nelke (Dianthus deltoides), andere hingegen werden echte Gartenveteranen und halten Menschengenerationen durch – etwa Funken (Hosta), Taglilien (Hemerocallis) oder die schon erwähnten Pfingstrosen. Als Faustregel gilt: Je länger eine junge Pflanze braucht, um zu blühen bzw. sich zu voller Schönheit zu  entwickeln, desto länger können sie auch an Ort und Stelle stehen bleiben.
Sehr viele Stauden sind durchaus langlebig, lassen aber mit den Jahren an Blütenbildung nach. Sie vergreisen. Das ist kein Grund zur Sorge. In diesen Fällen nimmt man die gesamte Pflanze mit dem Spaten auf und teilt sie in etwa faustgroße Stücke ehe sie wieder in neue Erde gepflanzt werden. Die Pflanzen verjüngen sich dann und blühen wieder so, wie man es gerne hätte. Die meisten Asternarten (Aster), der hier abgebildete Hohe Phlox (Phlox paniculata ‘Graf Zeppelin’), Bart-Iris (Iris barbata) oder Sonnenbraut (Helenium) profitieren von einer solchen Behandlung sehr. Stauden lassen sich in vielen Fällen aussäen, doch es braucht meist dann mindestens ein Jahr, bis die Pflanzen eine nennenswerte Wirkung entfalten. In den meisten Fällen besorgt man sich von einer guten Gärtnerei Jungpflanzen. Damit hat man auch Zugriff auf Züchtungen, die vegetativ, also durch Teilung oder Stecklinge aller Art, vermehrt wurden. Der bei Weitem überwiegende Teil der Gartenformen ist eine solche Züchtung die sozusagen als Klon verbreitet wird. (Das hat mit Gentechnik erst einmal nichts zu tun!) Staudensorten lassen sich grundsätzlich auch im eigenen Garten durch Teilung oder Stecklinge vermehren. 
Fast immer wird mit dem Begriff „Staude“ auch die Winterhärte verbunden. Das macht insofern Sinn, dass es ja irgendeinen Anreiz geben muss, dass die Staude einzieht und sich erneuert – und wir sind daran gewöhnt, dass Frost und Eis diesen Anreiz geben. Doch das ist zu kurz gegriffen. Stauden aus mediterranen Gegenden oder frostfreien Steppen weichen durch das Absterben des Laubes einer ungünstigen Hitzeperiode im Sommer aus. Sehr oft haben sie dann Vorratsorgane ausgebildet und werden als Zwiebel- oder Knollenpflanze gehandelt. Aber sie sind mehrjährig und krautig, und daher genau genommen Stauden. 

Rosmarinus officinalisSehen wir uns mal bei dieser Gelegenheit in Südeuropa um. Hier haben allseits beliebte Pflanzen wie Lavendel (Lavandula), Heiligenkraut (Santolina) oder Thymian (Thymus) ihre Heimat. Doch sie büßen zur Ruhezeit nicht die kompletten Triebe ein. Es gibt Holzeinlagerungen, die dazu beitragen, dass ein Pflanzengerüst erhalten bleibt aus dem die Pflanzen zur kommenden Wuchsperiode austreiben. Als Übergang zu den Gehölzen kennt man Derartiges als Halbsträucher. Hier verholzen die Triebe nicht im Jahr in dem sie entstanden sind, sondern etwa ein Jahr verzögert. Dennoch haben sie verholzende Triebe an der Basis aus denen sie wie ein Gehölz weiterwachsen. Mit den Jahren ähneln sie, wenn man sie nicht zurückschneidet, im Wuchs den Gehölzen. Rosmarin (Rosmarinus) ist schon der Überganz zum Gehölz. Er kann sich malerisch aufbauen – völlig begeistert war ich von einer hängenden Spielart die wir auf Kreta gesehen haben, wo sie ihren balsamischen Duft an einer Mauer entfaltete. 

Rhododendron luteaAls Letztes lassen sich noch die Gehölze kategorisieren. Wie der Name schon sagt bilden ihre Triebe Holz aus und die neuen Triebanlagen sind wie bei den Halbgehölzen oberhalb der Erde angelegt. Die Lebensdauer der Blätter ist unterschiedlich. Neben Arten, die ihr Laub jeden Herbst vollständig abwerfen, gibt es zahlreiche Laubgehölze mit immergrünen Blättern und freilich die Nadelgehölze. Bei Laubgehölzen ist es je nach Vitalität ratsam, die Triebe immer zurückzuschneiden oder die Pflanze auszulichten, damit ständig neue Zweige ausgebildet werden. So verhindert man, dass die Pflanze ein Zweiggewirr ausbildet, dass sich gegenseitig Licht und Luft nimmt. Bekannte Beispiele sind etwa öfterblühende Rosen, Sommerflieder (Buddleja davidii), oder einmal tragende Himbeeren, die jedes Jahr stark zurückgeschnitten werden, weil sie am „jungen Holz“ blühen, also den Trieb der sich neu aus der Basis oder tief unten aus der Pflanze entwickelt mit Blütenknospen abschließen.
Sehr viele Gartengehölze werden ausgelichtet. Dabei entfernt man stark verzweigte Triebe vollständig und direkt an ihrem Ursprung an der Basis. Meist sind diese Triebe drei bis fünf Jahre alt und blühen erkennbar immer schwächer. Forsythien (Forsythia), Duftjasmin (Philadelphus), Deutzien (Deutzia) oder einmal blühende Rosen etwa bleiben so dauerhaft attraktiv. 

Es gibt aber auch Ziergehölze bei denen ein Schnitt schadet, weil der die Wuchsform die sich erst mit den Jahren vervollkommnet zerstört. Bei Magnolien (Magnolia), Rhododendren und Azaleen (Rhododendron) – ich liebe etwa die oben gezeigte herrlich duftende Pontische Azalee (Rhododendron luteum) – bleiben die Scheren grundsätzlich im Gartenwerkzeugschrank. 

BirkenhainGehölze lassen sich noch ein letztes Mal unterteilen in Sträucher und Bäume – das ist ganz einfach. Gleichgültig von ihrer tatsächlichen Höhe gilt hier nur das Kriterium der Stammbildung. Treibt ein Gehölz mehrere Triebe aus der Basis die sich hinreichend gleichrangig aufbauen, handelt es sich um einen Strauch. Bei einem Baum gliedert sich sehr schnell, etwa ab dem zweiten, dritten Lebensjahr, der Spross klar in einen Stamm der eine Krone bildet; Bäume sind sozusagen Sträucher auf Stiel. Der kleine Birkenhain, den Sie links sehen – ich habe ich auf dem Gelände des Museums der Gartenkultur in Illertissen fotografiert – bietet durch seine Stämme die Möglichkeit, sich direkt unter das entstandene Blätterdach zu setzen.
Gehölze sind übrigens nicht automatisch winterhart. Grenzfälle sind etwa Oleander (Nerium oleander) oder Feigen (Ficus); tropische und subtropische Gehölze wie die meisten Zitrusfrüchte (Citrus), Engelstrompeten (Brugmannsia) oder Bougainvilleen (Bougainvillea) vertragen keine Fröste. 

So, Gratulation an alle, die sich bis hierher durchgelesen haben! Dann kommen Sie auch dem Sinn des großen Aufmacherbildes auf die Spur: Es handelt sich bei dieser Korallen-Fuchsie (Fuchsia triphylla ‘Koralle’) um ein Gehölz, das am jungen Holz blüht (also im Frühling stark zurückgeschnitten wird) und nicht winterhart ist. Aus diesem Grund wird sie meist als Saisonpflanze eingesetzt, obwohl sie frostfrei überwintert werden kann und sich mit den Jahren hinreißend schön aufbauen kann. Noch Fragen?

Und doch muss ich noch etwas Wichtiges anfügen. Diese Einteilung ist ein sinnvolles Regelwerk mit dem man sich im Pflanzenreich orientieren kann. Allerdings ist es menschengemacht – und die Natur kümmert sich nicht um solche Kategorisierungen. Zahlreiche Pflanzen sind Grenzfälle oder halten sich bei widrigen oder extrem guten Bedingungen nicht an die Regeln ihrer Kategorie. Bleiben Sie also bei allem was Sie gerade gelesen haben gedanklich flexibel und staunen über solche Regelbrüche, anstatt sich zu ärgern oder am System zu zweifeln.

Nichts ist doch langweiliger als eine ewige, in Stein gemeißelte Ordnung, oder? 

 

 

 

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